Die Taliban erobern Afghanistan: Ein Gespräch mit dem Journalist und Asien-Experten Shams Ul-Haq

Ein Gespräch mit dem Journalist und Asien-Experten Shams Ul-Haq

Frage: Wie kommt es, dass die Taliban so schnell ganz Afghanistan zurückerobern können?

Shams Ul-Haq: Die jetzige Situation ist ja nicht von heute auf morgen passiert. Vielmehr haben die Taliban seit zehn, zwanzig Jahren ihre Struktur sehr gut aufgebaut. Es stellt sich aber die Frage: Woher haben die Taliban so schnell so viele Waffen? Und woher haben sie so viel Geld? Und wie sind sie so gut strukturiert, dass sie jeden Tag einen neuen Teil Afghanistans einfach übernehmen können? Woher haben sie also die Unterstützung für ihren Vormarsch?

 

Frage: Woher haben die Taliban ihre Panzer, ihr Geld?

Shams Ul-Haq: Insider sagen, es sei das Geld, das wir gezahlt haben. Es ist Geld, das aus Deutschland, aus Österreich, aus Europa nach Afghanistan gegangen ist. Das Geld ist nicht in die Entwicklung des Landes und an Bedürftige geflossen, sondern das Geld ist von Politikern, die den Taliban nahe stehen, an jene weitergeleitet worden, damit sie kämpfen können. Wenn die Milliardenbeträge, die Deutschland und Europa nach Afghanistan gezahlt haben, wirklich in die Infrastruktur, in Schulen oder in die Polizei investiert worden wären, wäre es gar nicht so weit gekommen. Es gibt auch Nachbarländer in der Region, aus denen Unterstützung geflossen ist, so aus der Türkei, aus dem Iran, aus Pakistan. Das heißt, es gibt viele Quellen. Nur der Zusammenhang mit ausländischer Hilfe erklärt, dass die Taliban so stark sind, das ganze Land im Handstreich zu erobern.

 

Frage: Die USA wollen bis zum 31. August vollständig aus Afghanistan abziehen. Worin liegen die Gründe für diesen Abzug?

Shams Ul-Haq: Der Abzug ist natürlich ein strategischer Fehler. Nun hat US-Präsident Biden erklärt, 3000 US-Soldaten sollen nun doch im Land bleiben, um wichtige Areale zu schützen. Der Rückzug wird nun also zum Teil zurückgenommen. Es geht vor allem erst einmal darum, den Bereich des internationalen Flughafens zu sichern, denn von dort fliegen ja die Soldaten oder das ganze Botschaftspersonal ein- und aus. Ebenso ist das ein wichtiger Platz für Hilfsorganisationen und Journalisten. Die Taliban sind bereits in Bereiche der Hauptstadt Kabul eingedrungen, wenn sie aber den internationalen Flughafen erobern, gehen dort vollständig die Lichter aus. Deshalb haben die USA nun Soldaten zurückgeschickt, und auch die Briten werden folgen, eventuell noch andere westliche Länder, zum Beispiel Deutschland.

 

Frage: Internationale Beobachter gehen von einem Bürgerkrieg in Afghanistan aus. Wie sollte die westliche Welt reagieren?

Shams Ul-Haq: In den letzten zwanzig Jahren haben die westlichen Länder in Afghanistan eine falsche Politik betrieben. Zwanzig Jahre wurde nicht ausreichend in den Aufbau des Landes investiert. Nun steht es wieder da, wo es vor dem Einmarsch der Amerikaner gestanden hat. Das Land wird nun eine Brutstätte des Terrorismus. Ebenso sind wieder Iran und Russland in der Region aktiv, also eigentlich sogar ein Rückfall in die Situation der Sowjet-Zeit.

 

Frage: Durch den Taliban-Vormarsch kommt es nun zu Fluchtbewegungen in der Bevölkerung. Welche Folgen wird das haben?

Shams Ul-Haq: Es wird das Gleiche passieren, das wir schon 2015 erlebt haben. Viele Flüchtlinge werden über den Iran und die Türkei nach Europa gelangen. Die Türkei wird wieder mit den Flüchtlingen versuchen, politische Vorteile zu erlangen. Es wird wieder ein Deal mit europäischen Ländern auszuhandeln versucht werden. Das ist dann Geldmacherei mit Flüchtlingen, die dann irgendwo hängen bleiben. Was sollen aber viele Flüchtlinge machen angesichts von Massakern, die bereits heute von den Taliban ausgehen? Gerade diejenigen, die den westlichen Truppen geholfen haben, sitzen nun teils in den Botschaften fest und leben in Sorge, da sie sich auf den Abschuss-Listen der Taliban befinden. Werden diese Leute nicht aufgenommen, wird es zu einem ähnlichen Chaos in europäischen Grenzgebieten kommen wie 2015.

 

Frage: Frankreich und Dänemark setzen Abschiebungen nach Afghanistan aus. Das österreichische Innenministerium will aber daran festhalten. Ist das angebracht?

Shams Ul-Haq: Die Taliban bringen derzeit in Afghanistan Menschen um und befinden sich wieder frisch an der Macht. Angesichts dieser Situation muss man menschlich reagieren und einen Abschiebestopp anordnen, bis sich die Lage eventuell etwas entspannt hat.

Interview mit OE24.at: Shams Ul-Haq zum Taliban Vormarsch nach Kabul (oe24.at)

 

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