Shams ul Haq im Gespräch

“Eure Gesetze interessieren uns nicht” – Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq im Interview

Bereits 2016 beschäftigte sich der Journalist und Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq in seinem Buch “Die Brutstätte des Terrors” mit islamistisch begründeter Gewalt. Dazu berichtete er über die Situation in deutschen, schweizer und österreichischen Flüchtlingsheimen. 2018 veröffentlichte er seine Undercover-Recherche “Eure Gesetze interessieren uns nicht” (orell füssli). Shams Ul-Haq besuchte hierfür unter falscher Identität zahlreiche Moscheen im deutschsprachigen Raum, die im zweifelhaften Ruf stehen, Rekrutierungsstätten für islamistische Gewalttäter zu sein. Das Buch traf auf großes öffentliches Interesse. Seitdem beobachtet und analysiert Shams Ul-Haq die Entwicklung des Islamismus in Europa akribisch.

Shams Ul-Haq wurde 1975 in Pakistan geboren und kam im Alter von 15 Jahren als minderjähriger Asylbewerber nach Deutschland. Nach diversen Ausbildungen und beruflichen Erfahrungen, begann er ab 2007 journalistisch zu arbeiten. Seine investigativen Arbeiten erschienen unter anderem bei den Zeitungen “Die Welt”, “Wiener Zeitung”, „Sonntagszeitung aus der Schweiz“, „Kleine Zeitung aus Graz“, Salzburger Nachrichten“, sowie in Filmbeiträgen für ZDF, www.shamsulhaq.de @shamsulhaq22

Frage: Shams Ul-Haq, woher kommt Ihr Interesse für die islamistischen Bestrebungen?

Shams Ul-Haq: Ich habe in den letzten Jahrzehnten den Zuwachs dieses Problems wahrgenommen. Nach 9/11, dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, war für mich die Grenze überschritten. Pakistan und die gesamte islamische Welt gerieten damals in den negativen Fokus der Öffentlichkeit. Als selbst gläubiger Muslim sagte ich mir, dass ich etwas dagegen tun möchte. Und zwar deshalb, weil das dem Ruf des Islam insgesamt schadet. Alle Religionen wollen in ihrem Kern Frieden, aber Menschen interpretieren Religionen häufig falsch. Die Islamisten benutzen den Islam für eigentlich politisch-terroristische Absichten. Ich als ehemaliger Flüchtling empfinde es zudem als Pflicht, meinem Land zu dienen, also dem Land, in dem ich eine neue Heimat gefunden habe. Diesem Land möchte ich etwas zurückgeben. Ich wollte eine Brücke zwischen Deutschland und den Ländern der islamischen Welt bauen. Ich wollte auch den Deutschen zeigen, dass man nicht alle Muslime in einen Topf schmeißen sollte.

Frage: 2018 erschien Ihr Buch “Eure Gesetze interessieren uns nicht”. Wie sind sie für ihre Recherche vorgegangen?

Shams Ul-Haq: Ich hatte für mein erstes Buch ja schon in Flüchtlingsheimen recherchiert. Danach besuchte ich undercover Moscheen. Viele Flüchtlinge gingen ja in einschlägige Moscheen, wurden dort für islamistische Straftaten rekrutiert. Ihnen wurde unter anderem eingeredet, Deutschland wolle die Flüchtlinge nur ausnutzen, Deutschland wolle die Flüchtlinge vom Islam abbringen. Ich wollte dann in diese Moscheen in Deutschland, Österreich und der Schweiz reingehen und hören, was passiert. Die Recherche dauerte mehr als 2 Jahre.

Also, über radikale Moscheen hatten natürlich schon Medien und Verfassungsschutz berichtet. Ich wollte aber hinein, um sie von innen zu sehen. Ich habe dort Kontakt aufgenommen und geredet. Auch mit Imamen, denn manche verbreiten in Freitagsgebeten Worte, die junge Leute in eine falsche Richtung bringen können.

Frage: Welche Vorstellung haben islamische Extremisten von der weißen, westlichen Welt?

Shams Ul-Haq: Sie glauben, westliche Länder wollen muslimische Länder wirtschaftlich kaputt machen. Ich nenne nur die Kriege und Unruhen in Libyen, Ägypten, Irak, Afghanistan. Es herrscht ein Gefühl, ausgenutzt zu werden, ohne dass Besserung in Sicht ist. Im Irak gehen die Bomben weiter jeden Tag hoch. Ähnlich in Ägypten. In Afghanistan ziehen sich gerade die USA und ihre Verbündeten militärisch zurück, während die Taliban wieder in Kundus stehen. Die westliche Politik hat den Menschen nichts gebracht. Es geht alles weiter. Somit wird kritisiert, dass sich westliche Staaten in Ländern einmischen, in denen sie nichts zu suchen haben. Und ohne, dass ein Nutzen für die Bevölkerung entstünde.

Zudem werden westliche Lebensweisen abgelehnt. Sexualisierung, Alkohol, das öffentliche Zeiten von Homosexualität. In muslimischen Ländern ist das verboten. Und es herrscht dort die Angst, der Westen wolle seine Lebensweise exportieren.

Frage: Welche Begebenheiten haben sie besonders betroffen gemacht?

Shams Ul-Haq: Es macht mich betroffen, wenn junge Leute in falsche Hände geraten. Die meisten Moscheen sind an sich friedlich, aber im Vorstand gibt es bisweilen einzelne Mitglieder, die Kontakte zu Islamisten haben. Dann findet eine Gehirnwäsche in kleinen Nebenräumen statt. Der Imam und andere Vorstände wissen oft gar nichts davon. Die jungen, unbedarften Leute werden dazu verleitet, illegales in Deutschland oder muslimischen Ländern tun, zum Beispiel auch Bombenanschläge.

Frage: Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?

Shams Ul-Haq: Sehr gut. Das Buch wurde gut verkauft. Traurig ist natürlich, dass sich bewahrheitete, was ich prophezeit hatte. Ich hatte ja in der Islamistenszene einer Grazer Moschee recherchiert. Kurz darauf ereignete sich in Wien ein erster Anschlag. Und bei diesem gab es Verbindungen nach Graz. Ich hatte vorgewarnt. Auch in deutschen Städten ereigneten sich ja unter anderem Messerangriffe.

Bei einigen Lesern kam zudem die tiefere Absicht meiner Recherche an. Diese kann mit folgendem Vergleich plastisch gemacht werden: Egal, wie gut Deutschland sich verhält, immer wieder werden dem Land die Verbrechen Hitlers vorgeworfen. Ich habe zumindest diese Assoziation auf Reisen um den Erdball öfter erfahren. Und egal, wie gut sich Muslime zu verhalten versuchen, immer haftet ihnen der islamistische Terror wie ein Makel an. Diesen Knoten versuche ich zu lösen.

Frage: Wurden denn seit ihren Recherchen Maßnahmen gegen den islamischen Extremismus durchgeführt? Hat sich die Situation seitdem verändert?

Shams Ul-Haq: Ja viele. Es wurde nun mehr Geld zur Bekämpfung des Islamismus in die Hand genommen. Es gibt mehr Beobachtung der Szene, mehr Gespräche mit jungen Leuten, Resozialisierungsprogramme in Gefängnissen. Dennoch bleibt die Angst vor dem nächsten Attentat.

Es ist momentan stiller um den islamistischen Terror geworden, aber Rekrutierungen finden immer noch statt. Es läuft dabei viel über soziale Netzwerke. Kommuniziert wird über anonyme Prepaid-Sim Nummern und aus Internetcafés. Die Drahtzieher bleiben dabei im Hintergrund.

Frage: Welche Auswirkungen könnte das Thema Corona auf das Thema islamischer Extremismus haben?

Shams Ul-Haq: Berliner Salafisten in Berlin haben unlängst gescherzt, die Europäer hätten den Niqab verboten, doch nun trügen sie selbst alle Masken. Dies sei die Strafe von Gott für die reichen Länder. In Hamburger Moscheen wiederum gab es ausgiebige Diskussionen darüber, ob man den langen Bart kürzen müsse, damit er besser unter die Gesichtsmaske passe. Viele Islamisten haben zudem Corona-Hilfen für sich genutzt. Außerdem sind junge Leute in Ermangelung von Alternativen zu hause noch stärker unter den Einfluss von Social Media-Plattformen geraten. Längerfristig besteht natürlich die Gefahr der Arbeitslosigkeit, die ein weiterer Baustein für die Radikalisierung sein könnte. Das Thema islamistischer Terror wird uns weiter beschäftigen.

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