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Indien im Corona-Chaos: „Es ist erschreckend“

Fast täglich erreichen uns neue Corona-Rekordzahlen aus Indien. Binnen 24 Stunden sind in dem Land 3.780 Menschen gestorben, teilt das Gesundheitsministerium am Mittwoch mit. In absoluten Zahlen ist Indien mit seinen 1,3 Mrd. Einwohnern mit über 20,6 Mio. erfassten Corona-Infektionen hinter den USA am stärksten von der Pandemie betroffen.

Die Opferzahlen dürften aber deutlich über den offiziellen Gesundheitszahlen liegen, hießt es vonseiten der Experten.

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Aktuelle Bilder aus Indien zeigen die dramatische Situation in dem Land.
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ASSOCIATED PRESS
Aktuelle Bilder aus Indien zeigen die dramatische Situation in dem Land.
In Teilen des Landes ist es Berichten zufolge schwierig, überhaupt auf das Coronavirus getestet zu werden. Besonders in ländlichen Gebieten sterben viele Menschen zu Hause – nicht alle dieser Fälle tauchen letztlich in der Statistik auf.

Der Journalist Shams Ul-Haq (Twitter: @shamsulhaq22) ist erst vor Kurzem aus dem Land zurückgekehrt. Wir haben mit ihm ein Interview geführt. Das, was er zu erzählen hat, erschüttert.

SALZBURG24: Indien steuert auf die Schwelle von 20 Millionen Corona-Ansteckungen zu. Entwicklungshelfer sprechen von einer Situation, die nicht mehr kontrollierbar ist. Sie waren selbst vor wenigen Wochen in Indien. Was haben Sie in dem Land erlebt?

Shams Ul-Haq: Die Lage ist erschreckend. Das hat natürlich auch mit der allgemeinen sozialen Situation in Indien zu tun, die nun durch die Pandemie negativ verstärkt wird. Ich besuchte extra nicht die großen Metropolen, sondern bewegte mich in Dörfern und Kleinstädten nahe der pakistanischen Grenze. Hier leben teils sehr arme Menschen, die sich keinen üblichen Mundschutz leisten können. Durch große Familien und beengten Wohnraum kann in den Familien schon traditionell kein Abstand eingehalten werden. Dass das indische Gesundheitssystem mangelhaft ist, zeigt sich bei einer solchen Herausforderung sehr deutlich. Da es an Betten fehlt, werden Menschen auch teils draußen auf der Straße behandelt. Es fehlt an Sauerstoffgeräten, an Medikamenten für diesen Ansturm von Patienten. Einige kleinere Städte verfügen nicht einmal über ein Krankenhaus.

Wie geht es den Menschen? Wie gehen sie mit der Krise um und mit welchen Ängsten sind sie konfrontiert?

Shams Ul-Haq: Die Menschen sind sehr besorgt um ihr Eigentum, ihre soziale Existenz. Die, die wenig haben, haben Angst, nun alles zu verlieren. Sie echnen zudem mit weiteren Toten in ihren Familien, wenn es nicht zu internationaler Hilfe kommt. Es kann im schlimmsten Fall auch zu Verteilungskämpfen oder bürgerkriegsartigen Unruhen kommen.

Shams Ul-Haq 
SALZBURG24/PRIVAT
Der deutsche Journalist Shams Ul-Haq ist erst vor Kurzem aus Indien zurückgekehrt. 

Wie konnte die Lage in Indien derart eskalieren? Wo und bei was wurden Fehler gemacht?

Shams Ul-Haq: Die Eskalation der Lage liegt zum einen in der bekannten engen Wohnsituation der Inder und in den Defiziten der medizinischen Versorgung begründet. Wie sollen sie Abstand halten, wenn zehn Familienmitglieder teils zusammen in einem Raum leben? Die Wohnsituation der Menschen und die ärztliche Versorgung in Zukunft zu verbessern, geht aber nur langfristig.

Es wurden zum anderen aber auch akute Fehler begangen. Der indische Staat hat die erste Corona-Welle nicht ernst genug genommen und große religiöse Versammlungen zugelassen. Bis letzte Woche gab es außerdem noch große Wahlveranstaltungen ohne Maskenzwang. Da kamen teils viele Tausend Bürger ohne Abstand zusammen, um Politikerreden zu hören. Das war unverantwortlich. Ein weiterer Fehler war die mangelnde Wahrnehmung der Probleme der Landgemeinden und der Kleinstädte. Stattdessen wurde die präventive Versorgung nur in den reicheren Vierteln der Großstädte ausgebaut. Auch gab es in Indien erst mal keine Kontrolle von Inzidenzwerten. Corona-Regeln wurden nicht konsequent kontrolliert.

Was wird getan, um Ansteckungen zu verhindern? Tragen die Menschen Masken, halten sie Abstände? Gibt es ähnliche Präventionskonzepte wie hier in Europa?

Shams Ul-Haq: In großen Städten tragen Menschen Masken. FFP2-Masken gibt es aber in den Arealen, die ich gesehen habe, so gut wie nicht. Teils wird wochenlang das gleiche Stück Stoff verwendet. Tests sind ebenfalls viel zu teuer. In den armen Vierteln und kleinen Orten steht die Suche nach Nahrungsmitteln im Vordergrund. Dort gibt es kaum Präventionskonzepte. Diese kommen nun zu spät.

Was benötigt Indien aus Ihrer Sicht, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen? Was muss getan werden?

Shams Ul-Haq: Indien bedarf einer weltweiten Unterstützung. Sauerstoff muss zur Verfügung gestellt werden, Impfstoff, Masken, Medikamente. Viele Länder wie Deutschland, die USA und Pakistan haben auch jetzt Hilfe angeboten. Aber bislang ist diese internationale Hilfe noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Der indische Staat wiederum muss viel härtere Kontrollen durchführen und Hygienemaßnahmen erlassen. Bisher wurde das zu lasch gehandhabt.

Inwiefern können die gespendeten Medikamente von Pharmakonzernen aber auch einer Reihe an europäischen Ländern tatsächlich eine Hilfe sein?

Shams Ul-Haq: Es ist eine Hilfe, wenn sie den Bedürftigen ankommt. Wenn das nur zu reichen Leuten geht, ist das nicht hilfreich. Es muss also kontrolliert werden, dass diese Hilfe auch wirklich bei denjenigen ankommt, die sie akut benötigen, und nicht auf dem Transport in dunklen Kanälen versickert. Sichergestellt werden kann das aber nicht. Das hat in Ländern wie Indien noch nie funktioniert und wird wohl auch nicht funktionieren. Es gibt dort leider eine lange Tradition der Korruption.

Vielen Dank für das Interview.

Indien seit Februar im Corona-Chaos

Die zweite Corona-Welle mit mehreren Virusvarianten in Indien wütet bereits seit Ende Februar. Auch Österreich beteiligt sich mit zwei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds an der Hilfe für das asiatische Land. Zugleich wurden die Einreisebestimmungen verschärft. So gelten hierzulande weitere Verschärfung: Bei der Einreise aus Indien und dem späteren “Freitesten” werden nur noch PCR-Testergebnisse akzeptiert, keine Schnelltests mehr.

In Österreich gibt es bereits mehrere Verdachtsfälle auf die indische Corona-Mutation. Auch Salzburg ist betroffen.

(Quelle: SALZBURG24)

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