Corona: Shams-Ul Haq über die dramatische Situation in Indien (Interview bei OE24.TV)

Shams-Ul Haq über die dramatische Situation in Indien (Video Interview mit OE24.TV)

OE24TV: Wir begrüßen einen Mann, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist und mit und jetzt per Telefon zugeschaltet ist.  Shams Ul Haq, ein deutscher Journalist und Autor.

Einen schönen Vormittag und schön, dass Sie für uns Zeit gefunden haben.

Shams Ul Haq: Ich grüße Sie.

 

OE24 TV: Sie sind gerade selbst aus Indien zurückgekommen. Können Sie uns nochmal einen Einblick geben? Wie ist denn die Situation wirklich dort rund um die Corona-Pandemie?

Shams Ul Haq: Die Situation vor Ort ist um einiges schlimmer als in den Medien dargestellt. Ein großes Problem besteht weniger in Großstädten wie Delhi oder Mumbai, wie die Medien berichten, sondern eher in ländlichen Gebieten.

Indien ist eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie es in den kleinen Städten zugeht. Da fehlt es an Sauerstoffgeräten in den Krankenhäusern, an Intensivbetten usw.

Die Armen der Bevölkerung können sich einen Corona-Test oder einen Krankenhausaufenthalt gar nicht leisten. Was ihnen bleibt ist, weiterhin Kontaktbeschränkungen einzuhalten oder draußen vor dem Krankenhaus mit weiteren Infizierten zu warten.

Es gibt Schwierigkeiten, die Verstorbenen zu versorgen. In Indien werden die Leichen verbrannt, und auch da fehlen die Kräfte. Man kommt gar nicht dazu, die Verstorbenen entsprechend zu beerdigen.

Man geht weiterhin davon aus, dass die Infektions- und Totenzahlen doppelt so hoch sind wie offiziell bekannt.

Pakistan, Deutschland und auch andere Länder haben bereits Hilfe angeboten.

 

OE24TV: Sie haben es schon angesprochen: In Indien leben 1,38 Milliarden Menschen, es ist das zweit bevölkerungsreichste Land der Erde. Wenn Sie berichten, dass die medizinische Versorgung dort gar nicht stattfindet, wie will man denn der Pandemie Herr werden? Welche Maßnahmen werden getroffen, um Menschen, vor allem in kleinen in Dörfern, zu helfen und gleichzeitig der neuen indischen Mutation Herr zu werden?

Shams Ul Haq: Der Grund für die hohen Infektionszahlen war ja, dass die Menschen keine Kontaktbeschränkungen hatten. Der Staat hatte Großveranstaltungen wie Hochzeiten erlaubt, deswegen konnten die Zahlen so rasant steigen.

Nun versucht der Staat die Pandemie einzudämmen, indem Kontaktbeschränkungen beschlossen werden, das sei das A und O, um den Anstieg aufzuhalten.

Es dürfte allerdings schwierig werden, in einem Land wie Indien die Beschränkungen durchzusetzen.

Die gute Neuigkeit ist, es treffen erste Hilfen aus dem Ausland in Indien ein. Masken und Sauerstoffgeräte kommen aus anderen Ländern und werden zunächst an die Großstädte verteilt.

Das größte Problem bleiben jedoch diese Großsveranstaltungen, die dringend verboten werden müssen. Sonst werden sich die bereits überfüllten Krankenhäuser weiter füllen. Bereits jetzt stehen hunderte Betten draußen vor dem Krankenhaus, weil nicht alle untergebracht werden können und auf ihre Sauerstoffgeräte warten.

Die häufigste Todesursache bei einer Covid-Erkrankung ist Sauerstoffmangel. Wie ich schon sagte, sind fehlt es in ganz Indien an Sauestoffmasken und -geräten.

Es ist unglaublich, was man vor Ort erlebt.

 

OE24TV: Nun gibt es in Indien 16 offizielle Landessprachen, plus Englisch. Wie erreicht die Regierung Menschen in entlegensten Winkeln des Landes? Was sind Ihre Beobachtungen: Tragen die Menschen dort Masken oder ist das eher auf freiwilliger Basis?

Shams Ul Haq: In großen Städten, wo der Bildungsgrad höher ist, das ist ein sehr wichtiger Punkt, tragen Menschen Masken. Aber in den Dörfern wurde die Bevölkerung nicht aufgeklärt.

Schon bei der ersten Welle hätte die Regierung handeln müssen und den Menschen erklären, dass sie eine Maske tragen müssen.

Auf dem Land tragen nicht alle Masken, auch weil sich das nicht jeder leisten kann. Man nimmt dann ein Handtuch und verwendet es als Maske. Außerdem sind die in Indien hergestellten Masken nicht von bester Qualität.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen, wie man die Bevölkerung am besten erreicht. Am effektivsten ist es, sie  über die Social Media und Whatsapp zu informieren.

 

OE24TV: Ein wichtiges Element in der Corona-Pandemie ist das Thema Impfungen.

Wir in Österreich haben jetzt, sagt die Regierung, den Impf-Turbo gezündet, d.h. Europa hat auch hier die Dosen verabreicht vorgezogen bekommen.

Wie sieht es in Indien aus? Die Statistiken sagen, dass 138 Millionen verabreichte Dosen hier schon stattgefunden haben, aber man spricht hier im Endeffekt von 1,6% der Bevölkerung, die geimpft wurden.

Was wissen Sie dazu, wird das in den Städten gemacht oder hat auch die Bevölkerung auf dem Land die Möglichkeit, sich impfen zu lassen?

Shams Ul Haq: Sie haben vollkommen recht. Das ist der Punkt, wo der Staat geschlafen hat.

Anders als in Österreich, wo Menschen ab 80 zuerst dran kommen, haben in Indien zuerst Politiker und reiche Leute eine Impfung bekommen.

Wir wissen, dass in Ländern wie Indien oder Pakistan Korruption ein großes Thema ist.

Derjenige, der Verbindungen, Macht hat, der bekommt die Impfung.

Und natürlich reichen die Impfdosen in Indien bei Weitem nicht aus und kommen in den Dörfern gar nicht an! Großstädte wie Mumbai, Delhi, Hyderabad werden bevorzugt, aber selbst dort ist es nicht ausreichend. Der Impfstoffmangel ist ein großes Problem. Und es wird auch weiterhin fehlen. Man kann so ein großes Land wie Indien nicht zu 100% impfen. Wir müssen mit vielen weiteren Toten rechnen.

Es wird davon gesprochen, die Impfung ab 16 Jahren freizugeben. Doch wenn man das tut, wird es meiner Meinung nach noch schlimmer, denn dann liegt die Verabreichung der Impfdosen nicht mehr in der Hand des Staates. Für umgerechnet 100 Euro kann man dann die Impfung kaufen und das führt unweigerlich zum altbekannten Problem: Die Reichen sind im Vorteil, die Armen auf dem Land, und das sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, sind wieder benachteiligt, weil sie sich das nicht leisten können.

So wichtig die Impfung auch ist, es gibt einen noch gewichtigeren Punkt- die Sauerstoffgeräte. Das bestätigen auch Ärzte und Experten im Staatsfernsehen, sie drängen auch auf einen Kontaktverbot.

All diese Punkte hatte die Regierung bei der ersten Welle versäumt und so konnte es zu dieser verheerenden Situation in Indien kommen.

 

OE24TV: Frage, Sie sind ja selbst aus diesem Land zurückgekehrt. Aus Deutschland gilt derzeitig auch die Reisewarnung nach Indien hier zu reisen. Wie haben Sie das denn erlebt: Gibt es viele, die in das Land trotzdem einreisen und wie sind die Quarantäne-Bestimmungen? Haben Sie so was überhaupt einhalten müssen?

Shams Ul Haq: Die Quarantänebedingungen muss man in Indien einhalten. Da ist der Staat sehr, sehr streng. Zur Zeit ist ja nur erlaubt österreichischen oder deutschen Bürgern zurück nach Europa zu reisen. Die indischen Staatsbürger dürfen ja weiterhin von Europa nach Indien zurückreisen. Das sind viele Gastarbeiter, die wir hier in Österreich haben, die sich wirklich Sorgen machen um Familien und möchten auch zurück nach Indien gehen. Bei einem Todesfall möchte man auf jeden Fall die letzte Ehre erweisen und zur Beerdigung reisen. Da gibt es Schwierigkeiten bei Einreisen, dass man nicht ohne einen Grund nach Indien reisen kann. Und wenn man in Indien einreist, muss man auf jeden Fall einen negativen Test vorlegen und dann muss man in Quarantäne.

Viele Fluggesellschaften und einige Länder verweigern gerade die Ein- und Ausreise, sodass es schwierig ist nach Indien zu kommen. Es wird versucht über Pakistan, Afghanistan oder den Iran ins Land zu gelangen.  Es ist zur Zeit nicht einfach, nach Indien einzureisen.

 

OE24TV: Eine Frage zum Impfstoff. Sie haben gesagt, im Moment sind 138 oder 136 Millionen Menschen schon geimpft. Indien hat auch hier eigene Impfstoffe. Werden da auch internationale Impfstoffe verwendet oder nur eigene? Wie sind die in der Qualität vergleichbar mit denen, die z.B. hierzulande verwendet werden?

Shams Ul Haq: Natürlich kann man die Impfstoffe nicht mit den chinesischen, russischen, amerikanischen von Johnson&Johnson oder deutschen vergleichen. Das ist gar keine Frage.

Die Qualität ist viel besser als die des eigenen Impfstoffs. Aber der Punkt ist der, dass der indische Impfstoff günstiger ist, sodass auch ein Mittelverdiener sich das leisten kann.

Man konzentriert sich nicht auf die indische Impfung zur Zeit, man konzentriert sich auf die Impfung aus Russland, dass man die bekommt und auch geimpft wird.

Man muss auch bedenken, dass die Impfung, die in Indien hergestellt wird, an das Immunsystem der Inder, angepasst ist, die unter anderen klimatischen und gastronomischen Bedingungen hier leben. Das heißt, dass der körperliche Reaktion auf die Impfung eine ganz andere ist als auf die aus Europa oder den USA.

Ich will jetzt keine Werbung machen, aber der Impfstoff aus Europa ist dennoch besser.

 

OE24TV: Wir sagen an dieser Stelle: Herzlichen Dank für das Interview und für die Zeit, die Sie uns geschenkt haben, um uns mal wirklich die Situation in Indien so darzulegen, dem Land, wo derzeit die Corona-Pandemie wirklich explodiert. Herzlichen Dank.

 

Video Interview Quelle : https://www.youtube.com/watch?v=jKHf_IRqp1M
Feature Image Quelle : https://pixabay.com/photos/covid19-coronavirus-corona-virus-5051314/

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *