Das Schicksal der pakistanischen Christin Asia Bibi findet weltweite Aufmerksamkeit. Demnächst soll die Frau, die vor acht Jahren wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde, das Land verlassen. Ihr Vater muss sich noch immer verstecken.

Die in Pakistan erst zum Tode verurteilte und acht Jahre später freigesprochene Katholikin Asia Bibi darf demnächst nach Kanada ausreisen, wo ihre Töchter bereits leben. Sie befindet sich derzeit zwar noch zusammen mit ihrem Mann in Polizeigewahrsam. Ihre Ausreise soll jedoch bald erfolgen.

Ihre Familie allerdings, darunter ihr Vater und ihr schwerkranker Bruder, muss in Pakistan bleiben. Dort sind sie massiven Todesdrohungen ausgesetzt.

Niemand hilft dieser Familie, die in einem Versteck zwei Stunden von Lahore entfernt lebt – kein Politiker, keine Kirche und keine NGO. Sie hatten bereits nach Bibis Verhaftung versucht, Pakistan zu verlassen, weil auch ihnen eine Gefängnisstrafe drohte, erzählt ihr Vater bei einem Treffen zwei Stunden von der pakistanischen Großstadt Lahore entfernt.

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Asias Vater vor seiner Hütte.

(Foto: Eduard Pröls) Quelle: ntv.de

 

Für das Treffen bringen uns zwei Kontaktpersonen in eine Siedlung, in der höchstens hundert Menschen leben. Das Dorf besteht aus kleinen, ausgesprochen bescheidenen Häusern, aus Erde gemauert und teilweise provisorisch mit Lehm verputzt. Hier versteckt sich die Familie von Asia Bibi. Seit sie aus ihrem Heimatdorf geflohen sind, leben ihr Vater und ihr ältester Bruder in einem kleinen, dunklen Raum mit zwei Betten als einzigem Mobiliar. Es gibt zwei weitere Brüder: Der eine arbeitet als Busfahrer und schläft auf seiner Arbeitsstelle, der andere ist für das Dorfoberhaupt als Maurer tätig und meist unterwegs. Asia Bibis fünf Schwestern sind verheiratet und leben bei ihren Ehemännern. Nicht einmal ihr Vater weiß, wo sie sich befinden. Auch sie verstecken sich.

Vor dem Haus, in der heißen Sonne, erzählt der Vater mit ruhigen Worten seine Geschichte. Er ist einfach gekleidet, die ärmlichen Sandalen von Staub bedeckt. Seine drei Söhne sitzen mit verschränkten Armen auf der landesüblichen geflochtenen Außencouch.

Mit einem Streit um Religionen fing alles an

Der Vater erzählt, dass keine Aussicht auf Verbesserung ihrer verzweifelten Lage bestehe. Schließlich interessiere die Öffentlichkeit lediglich die Geschichte seiner Tochter. Niemand frage, wie es ihrer Familie ergehe. “Dadurch gibt es auch keine Unterstützung und daran wird sich wohl nichts ändern”, sagte er. Die meisten Bewohner des Ortes seien Muslime, sie als christliche Familie werde hier jedoch akzeptiert. Über die Verhaftung seiner Tochter sagt er, die Anklage habe jeglicher Grundlage entbehrt. “Man hat es uns untergejubelt.”

Asia Bibi war 38 Jahre alt, als alles anfing. Sie sei damals mit zwei muslimischen Frauen aus dem befreundet gewesen. Die drei hätten viel Zeit zusammen verbracht. Auch am verhängnisvollen Tag im Jahr 2009 waren sie zusammen unterwegs. Während der Obsternte unterhielten sie sich über Religionen – über den Propheten Mohammed und über Jesus. Danach kam Asia Bibi zu ihrem Vater und erzählte, die drei hätten sich gestritten und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht. Fünf Tage später kamen der Imam des Dorfes und einige Polizisten. Sie nahmen Bibi mit.

An dieser Stelle macht ihr Vater eine kurze Pause. “Ich habe schnell begriffen, dass das eine Nummer zu groß für uns wird und dass Widerstand zwecklos ist. Meine Söhne wollten sich noch gegen die Verhaftung wehren, haben geschrien und wollten für ihre Schwester kämpfen. Aber ich habe sie gewarnt und ihnen gesagt: Ihr seid zu schwach, um euch gegen die Polizei und die Politiker, die dahinter stehen, zu wehren. Dann habe ich meine Kinder genommen und bin aus meinem Heimatdorf hierher geflüchtet, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekam. Seitdem leben wir hier. Versteckt und in ständiger Angst vor einer Verhaftung.” Er sagt, dies sei das erste Mal, dass er mit einem Journalisten über diese Geschichte spreche. Von seinen Nachbarn wisse niemand, weshalb sie sich verstecken.

“Was sollen wir machen?”

Christen sind in Pakistan eine kleine Minderheit, die vor allem in der Gegend um Lahore lebt. Staatsreligion ist der Islam, auf Blasphemie steht die Todesstrafe. Auch Asia Bibi wurde wegen Blasphemie angeklagt und 2010 zum Tode verurteilt. Im Oktober 2018 jedoch ordnete ein Gericht ihre Freilassung an. Nach Todesdrohungen lebt Bibi derzeit von der Öffentlichkeit abgeschirmt an einem geheimen Ort.

Systematische Verfolgung in PakistanBlasphemiegesetz lässt Christen um ihr Leben fürchten

Asias Mutter ist schon vor Jahren gestorben. “Die Verhaftung traf sie schwer”, erzählt der Vater. “Sie war damals schon krank, konnte kaum mehr sehen und war körperlich stark eingeschränkt, da sie vor vielen Jahren einen Arm verloren hatte. Als sie Asia wegbrachten, weinte sie nur noch. Sie starb bald darauf. Vor Kummer.”

Ihr Vater ist nach eigenen Angaben fast einhundert Jahre alt. Er zeigt mir seinen Personalausweis. Darin steht, dass sein Alter 89 Jahre beträgt – den Unterschied begründet er damit, dass er seinen Ausweis mehrfach habe nachmachen lassen.

Sein jüngster Sohn erzählt, das Leben in ihrem Heimatdorf sei gut gewesen. Einige Muslime hätten es jedoch nicht ertragen, dass Christen unter ihnen lebten. Mehrfach seien sie bei der Polizei angezeigt worden. Den Streit zwischen Bibi und ihren Freundinnen sei nur ein Vorwand gewesen, um die Familie zu vertreiben. Dieser Bruder äußert zudem den Verdacht, dass alles geplant war. Er vermutet, dass selbst der Streit inszeniert wurde, da die beiden Freundinnen unmittelbar danach zum Mullah gingen und ihm alles erzählten.

Er beklagt sich auch über die katholische Kirche und die Politik, die seine Familie im Stich gelassen habe. Seit seine Schwester verhaftet worden sei, habe die Familie umgerechnet 3000 Euro Schulden angehäuft. Sie leihen sich das Geld von privaten Geldgebern und arbeiten die Schulden ab.

Auf die Frage, was sie sich wünschen, haben weder der Vater noch der Sohn eine Antwort. “Wir leben hier sehr unglücklich, aber was sollen wir machen? Wir wissen nicht weiter”, sagte der alte Mann.

Quelle: n-tv.de

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