Vom Jäger zum Gejagten

Undercover-Journalist in Moscheen muss sich gegen Vorwürfe wehren

von Ilse Rohman

(14.03.2019) Der Frankfurter Terrorismusexperte und Undercover-Journalist Shams Ul-Haq hat vor kurzem ein Buch auf den Markt gebracht mit dem Titel „Eure Gesetze interessieren uns nicht“, das übrigens auch in „Frankfurt-Live“ besprochen worden ist. Darin schildert er, wie geschickt in Moscheen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Menschen radikalisiert werden. Jetzt ist ein Streit über einige Passagen seiner verdeckten Ermittlungen entbrannt.

Das hatte Autor Shams Ul-Haq wohl nicht erwartet: Nach dem großen Erfolg seines ersten Buches „Die Brutstätte des Terrors“ aus dem Jahr 2016, in dem er die Ergebnisse seiner verdeckten Recherchen in Flüchtlingsheimen in Deutschland, der Schweiz und Österreich schilderte („Frankfurt-Live“ hatte auch darüber berichtet), kam vor wenigen Monaten sein neues Buch mit dem Titel „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ auf den Markt (18 Euro bzw. 24,90 Schweizer Franken, Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch, ISBN 978-3-280-05682-0). Dafür hatte er zwei Jahre lang verdeckt in Moscheen der drei genannten Länder recherchiert und auch die Erfahrungen mit einfließen lassen, die er die Jahre vorher in den Flüchtlingsheimen mit dem Einfluss radikaler Islamisten gemacht hat. Jetzt steht er plötzlich selbst am Pranger.

Was war geschehen? Dem HR-Reporter Volker Siefert waren beim Lesen des Buches u. a. Zweifel gekommen, ob Ul-Haq in der angegebenen Recherchezeit von zwei Jahren tatsächlich zwischen 100 und 250 Moscheen besucht haben konnte. (Link) Auch die Gesamtsumme der Geldspenden, die er den Moscheen gab, schien ihm zu hoch. Er stellte ferner zeitliche Unstimmigkeiten bei den Rechercheangaben fest und bezog sich weiterhin auf einen Passus, in dem Ul-Haq von seinen Beobachtungen in der Winterthurer Moschee berichtete, die aber zu diesem Zeitpunkt von den Behörden bereits geschlossen war.

Seine Mutmaßungen verbreitete Siefert in diversen Medien, was dazu führte, dass Ul-Haq, der auch fürs Fernsehen und verschiedene Magazine arbeitete, keine Aufträge mehr bekam und in existenzielle Schwierigkeiten geriet. Ein klärendes Gespräch vor laufender Kamera bei ihm zuhause mit Volker Siefert beruhigte die Situation auch nicht, ganz im Gegenteil, denn so Shams Ul-Haq, seien ihm regelrecht inquisitorischartige Fragen gestellt worden und das auch noch zu Themen, die gar nicht in seinem Buch vorkämen.

Der Streit schaukelte sich immer höher, und schließlich befasste sich sogar das Medienmagazin „Journalist“, das offizielle Verbandsorgan des Deutschen Journalistenverbandes, der mit 35.000 Mitgliedern größte Journalistenverband Europas, in seiner neuesten-Ausgabe unter der Überschrift „Zweifel an Undercover-Recherchen“ mit diesem Thema, nachdem es erst im vorhergehenden Heft ein dreiseitiges Interview mit dem „Flüchtlingswallraff“ gebracht hatte.

Allerdings schneidet der misstrauische HR-Reporter dabei nicht besonders gut ab. Denn Ul-Haq, der 1990 als unbegleiteter Minderjähriger aus Pakistan nach Deutschland geflüchtet ist, die alleinige deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und sich als Rufmordopfer sieht, gibt nachvollziehbare Antworten auf alle Vorwürfe: Seit 2015 rund 250 Moscheen in Europa besucht zu haben sei demnach kein besonderes Problem gewesen, denn, um Beispiele zu nennen, gebe es allein in Graz 26 Moscheen, die alle innerhalb von zehn Minuten gut mit dem Pkw zu erreichen seien, und in Hamburg bestünden allein rund um den Bahnhof etwa 30 Moscheen. Außerdem habe er ja nur in problematischen Moscheen intensiv recherchiert.

Auch seine Erklärung, warum die angegebenen Recherchezeiten teilweise verwirrend seien, klingt plausibel. „Wenn ich ganz genau gesagt hätte, an welchem Tag ich wann und wo war, hätten meine Kontakt- und Vertrauenspersonen überall mit Sicherheit recht unangenehme Konsequenzen ziehen müssen“, zitiert ihn der „Journalist“. Denn wegen der Überwachungskameras könne „man bei Angabe der exakten Besuchsdaten die betreffenden Personen mühelos identifizieren.“ Allerdings, so räumt Ul-Haq auch ein, hätte er das den Lesern erklären sollen. Dasselbe gelte für die Winterthurer Moschee, die, wie Kritiker Siefert richtig feststellte, bereits geschlossen worden war. „Allerdings haben sich die Islamisten dadurch ja nicht in Luft aufgelöst, sondern treffen sich seitdem in der Nähe eben in anderen Räumlichkeiten. Die Sachverhalte jedenfalls sind in allen Fällen korrekt“, sagte Ul-Haq dazu.

Damit allerdings ist die ganze Angelegenheit weder gelöst noch letztlich geklärt. Ul-Haq, der „bitter enttäuscht“ ist, dass sich angesichts der „doch weitgehend nur aus Verdächtigungen bestehenden Vorwürfe“ kaum jemand aus der Kollegenschaft hinter ihn gestellt habe, wandte sich deshalb um Hilfe an den Journalistenverband. Er bat den renommierten Frankfurter Journalisten Norbert Dörholt, viele Jahre lang stellvertretender Vorsitzender des 1.400 Mitglieder zählenden Ortsvereins Frankfurt des DJV und mehrfacher Sitzungspräsident bei den Hessischen Landesverbandstagen des DJV, seine Unterlagen aus dieser Zeit einzusehen, mit den Anschuldigungen zu vergleichen und das Ergebnis neutral zu bewerten.

Der tat das schließlich, sichtete stundenlang Belege von Bahn- und Autofahrten, Übernachtungen in verschiedenen Städten, Flughafentickets, Rechnungen von Einkäufen in Supermärkten in den diversen Städten, Restaurantrechnungen u.v.m., verglich und prüfte und stellte schließlich fest, wie der „Journalist“ berichtete, dass der „Bewegungsradius“ für die Jahre 2016 bis 2018 mit den im Buch gemachten Angaben übereinstimme. Auch die bei den verdeckten Ermittlungen gemachten Videos und Fotos passten in das im Buch geschilderte Schema. Schließlich sah sich Dörholt noch die Honorarverträge mit Magazinen, Fernsehsendern und anderen Auftraggebern an. Sie wiesen jeweils hohe Beträge bis hin zu Einzelrechnungen von mehreren tausend Euro aus, so dass die Unterstellung, Shams Ul-Haq habe sich da womöglich finanziell übernommen, ebenfalls nicht bestätigt werden konnte. Dörholt legt im Übrigen Wert auf die Feststellung, wie es auch im „Journalist“ heißt, dass er nicht mit Shams Ul-Haq befreundet sei, sondern als unparteiischer Prüfer agiert habe.

Nach wie vor steht bei einigen strittigen Punkten dennoch weiterhin Aussage gegen Aussage. Der Programmleiter Sachbuch des Orell Füssli Verlags in der Schweiz, Stephan Meyer, sagte dazu: „Wir bedauern natürlich eventuelle Fehler und Ungenauigkeiten im Buch, erinnern aber daran, dass sich diese, insbesondere bei journalistischen Recherche-Titeln, leider nicht immer vermeiden lassen. In der Regel werden belegbare Fehler bei einer geplanten Nachauflage korrigiert, was auch in diesem Fall so wäre. Hinweisen möchten wir allerdings darauf, dass es durchaus eine Reihe von Journalisten gibt, die den Vorwürfen des HR-Journalisten widersprechen, was in der bisherigen Berichterstattung bislang leider kaum erwähnt wurde.“

Er, Meyer, halte diese Form von vorverurteilender Kritik für ein „eigentümliches Vorgehen“. Natürlich könne man in manchen Fragen anderer Meinung sein und es sei völlig legitim, ja notwendig, Skepsis zu äußern bzw. auf Fehler in einer Darstellung hinzuweisen. Etwas ganz anderes sei es jedoch, dies so zu formulieren, dass suggeriert wird, die beklagten Fehler gingen auf eine bewusste Täuschungsabsicht zurück. Dies sei der massivste Vorwurf, dem man einem Journalisten machen könne und beschädige ihn allein schon durch seine Artikulierung. Schon allein deshalb sollten bei diesem Punkt Anklage und Urteil nicht in einer Hand liegen, zumal der Nachweis einer gezielten Täuschung bislang nicht erbracht worden sei. Eine solche Form der Kritik berühre letztlich die ethisch-moralische Grundlage unseres Miteinanders und Zusammenlebens. „Wir haben das Buch von der Website genommen, vor allem um den Autor zu schützen. Es hat Drohungen und unsachliche Reaktionen gegeben“, fügte Meyer noch hinzu.

Ul-Haq, der bei seinen Recherchen auch mit anderen Kollegen zusammengearbeitet hat, betont, dass diese Kollegen seine saubere journalistische Arbeit bestätigten. Einen besonders gewichtigen Fürsprecher hat er ebenfalls auf seiner Seite, nämlich das ZDF, das im Herbst 2018 seine Dokumentation „Hass aus der Moschee“ ausgestrahlt hat. „Zum momentanen Zeitpunkt gilt, dass Shams Ul-Haq für ZDFzoom journalistisch sauber und integer gearbeitet hat“, heißt es laut „Journalist“ aus der Pressestelle.

Gleiches bescheinigt ihm der Spiegel. Auf Nachfrage des JOURNAL FRANKFURT hatte der Spiegel bereits im Januar, unmittelbar nach Veröffentlichung des Artikels von Volker Siefert, bestätigt, dass Shjams Ul-Haq Juan Moreno bei der Geschichte „Der belutschische Geist“ (erschienen im Spiegel am 7. Januar 2017) geholfen hat. Moreno war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Fall Relotius aufgedeckt werden konnte. „Juan Moreno hat bestätigt, dass die Zusammenarbeit und die Recherche mit Ul-Haq nachweisbar sauber lief und sowohl .schriftlich als auch fotografisch dokumentiert ist“, teilte laut JOURNAL FRANKFURT eine Sprecherin des Spiegel mit.

Was Ul-Haq persönlich regelrecht verbittert ist, dass er seine gefährlichen Recherchen nicht zuletzt deshalb unternommen habe, um „meinem Deutschland“, so sagte er, das ihn als Flüchtling freundlich aufgenommen habe und ihm ein sicheres und gutes Leben ermöglicht habe, dadurch etwas zurück zu geben. „Und das ist nun das Danke dafür, für das die Deutschen sogar ein eigenes Sprichwort haben: Undank ist der Welten Lohn.“

Die ganze Sache hat noch eine ganz andere Dimension. Im Zeitalter von Fake News, ungefilterten Twitterbehauptungen, Misstrauen gegenüber Journalisten – Stichwort „Lügenpresse“ – sieht so mancher Außenstehende diesen journalisteninternen Streit wahrscheinlich mit klammheimlicher Freude, mit einer gewissen Schadenfreude darüber, dass sich die journalistischen „Besserwisser“ und „Lehrmeister der Nation“ auch mal selbst verzanken. Shams Ul-Haq allerdings mag das nur mäßig belustigen, denn egal, wie er letztlich beleumundet wird, gilt auch für ihn die üble Erfahrung, die offensichtlich auch schon die alten Römer vor über 2000 Jahren gemacht haben, denn von ihnen stammt der bittere Satz: „Audacter calumniare, semper aliquid haeret“ – Verleumde nur dreist, es bleibt immer etwas hängen.

 

Quelle: http://www.frankfurt-live.com/vom-j-aumlger-zum-gejagten-110699.html?fbclid=IwAR0KMNBAj2OnvlwS-lTlUT7ysO9ns8k5MSVz_n387iZNwUilVeFQT_VTPtQ

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